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Presse, Kommunikation und Marketing
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Das neue Jahr hat so turbulent begonnen, wie das alte endete. Es mag nicht überraschen, dass viele Kommentator*innen der Gegenwart derzeit der Versuchung erliegen, den irischen Dichter W.B. Yeats zu zitieren: „Things fall apart; the centre cannot hold“. Yeats Zeitdiagnose bezog sich auf die Zwischenkriegsjahre des letzten Jahrhunderts, aber ihr Echo scheint zu uns hinüberzuschallen.
Ich werde mich diesem Abgesang nicht anschließen. Die Weltlage macht mir zwar Sorgen, aber ich bin nicht pessimistisch. Unser Motto sollte vielmehr lauten: Wir verarbeiten das Ende vieler vertrauter Sicherheiten und suchen uns andere Wege zu unseren Zielen.
Die Wissenschaft beobachtet, zieht Schlüsse und entwickelt Lösungen: Wir stellen fest, dass wir gerade einen Epochenbruch erleben. Die Zahl der Autokratien nimmt zu. Das Recht des Stärkeren scheint Einzug gehalten zu haben, Allianzen bröckeln, die regelbasierte internationale Ordnung scheint im Verschwinden begriffen zu sein.
Auch die Wissenschaft ist davon betroffen. Weltweit berichten Forschende aus unserem Netzwerk von den Verschiebungen und Verlusten. Durch die Arbeit der ugandischen Humboldt-Alumna Sara Namusoga wissen wir, wie bestimmte geopolitische Akteure, darunter vor allem China, massiv Einfluss auf Medieninhalte in afrikanischen Ländern nehmen. Neben den enormen chinesischen Investitionen in afrikanische Infrastruktur ist das ein weiteres Beispiel dafür, dass sich die geopolitischen Machverhältnisse verlagern. Dabei scheint die Freiheit stark unter Druck zu geraten.
Die in unserer Verfassung garantierten Freiheiten – Meinungs- und Presse- sowie Wissenschaftsfreiheit – sind unser höchstes Gut. Freiheit ist die Voraussetzung für individuelles und kollektives Wohlergehen sowie langfristigen Frieden im Inneren wie mit dem Außen. Freiheit zu schützen und zu stärken ist unser gemeinsamer europäischer Auftrag.
So ist 2026 das Jahr, in dem wir gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt auf zehn Jahre Philipp Schwartz-Initiative zurückblicken können. Denn was es tatsächlich heißt, in der Freiheit, kritische Fragen zu stellen und zu forschen, beschränkt zu werden – davon können jene 600 Fellows der nach dem deutschen Arzt Philipp Schwartz benannten Schutzinitiative berichten, die in den letzten zehn Jahren aus 30 Ländern Zuflucht an deutschen Einrichtungen gefunden haben.
Freiheit ist auch eine unverzichtbare Voraussetzung für ein langfristig funktionierendes Wissenschaftssystem und damit für Fortschritt, Wohlstand und die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen überall auf der Welt. Zugegeben, auch in autoritären Staaten kann in großem Stil auf technologischen Fortschritt ausgerichtetes Wissen produziert werden. Aber nur die völlig freie, erkenntnisgeleitete Grundlagenforschung wird weiterhin jene oft zufälligen Entdeckungen und das Verständnis für die Bedürfnisse der Menschen möglich machen, die die Menschheit vorangebracht haben.
Es stimmt mich sehr zuversichtlich, in einem Land zu leben, das sich der Bedeutung und der Rolle von Wissenschaft und Forschung bewusst ist und entsprechend handelt. Die Bundesregierung hat mit dem 1.000-Köpfe-Plus-Programm rasch und wirksam zusätzlich in die Wissenschaft investiert. Noch im letzten Jahr konnten wir gemeinsam mit Forschungsministerin Dorothee Bär die ersten Humboldt-Stipendiat*innen des 1.000-Köpfe-Plus-Programms in Deutschland begrüßen.
Mit dem Humboldt Research Professorship hat die Humboldt-Stiftung im Rahmen des 1.000-Köpfe-Plus-Programms zudem eine substanzielle Neuerung geschaffen. Wir ermöglichen Spitzenforschenden aus dem Ausland damit, ihre kreativen Forschungsaktivitäten an deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen zu etablieren, ohne ihre Stelle im Ausland aufgeben zu müssen. Das macht Deutschland attraktiv für Forschende aus heiß umkämpften Forschungsfeldern. So leisten wir ohne programmatische Beschränkungen einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung der Hightech Agenda Deutschland. Bis zum 15. März können Universitäten geeignete Kandidat*innen nominieren.
Gerade in einer multipolaren Welt mit wechselnden Allianzen sind starke Verbindungen und stabile Netzwerke unverzichtbar. Diese müssen nicht zwingend aus Diplomat*innen bestehen, „oft sind im Gegenteil gerade die Brücken belastbarer, die etwa Wissenschaftler zueinander aufgebaut haben”, betonte Staatsministerin Serap Güler kürzlich in einem Grußwort gegenüber Vertreter*innen der Humboldt-Stiftung.
Eine freie und starke Wissenschaft ist eine von Deutschlands größten Stärken. Zuversichtlich blicken wir in die Zukunft, weil wir auf diese Stärke vertrauen. Seien Sie im Namen des Humboldt-Netzwerks und den mehr als 300 Beschäftigten der Humboldt-Stiftung in Bonn und Berlin versichert: Wir arbeiten jeden Tag daran, überall auf der Welt belastbare wissenschaftliche Beziehungen durch Kooperationen zu stärken und die Wissenschaftsfreiheit zu schützen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein optimistisches und ein erfolgreiches 2026.
Ihr Robert Schlögl